Warum „genug Geld“ nicht reicht

In diesem zweiten der Geld-Artikel möchte ich einige der immer wiederkehrenden Zusammenhänge erläutern, die sich in den Aufstellungen der finanziellen Überzeugungen zeigen.

Das Wort „genug“ ist eines dieser wundersamen Ausdrücke mit doppelter Bedeutung. „Genug Geld haben“ heißt, wir leiden nicht an Geldmangel. Dennoch klingt etwas in diesem Satz seltsam. Er besagt zwar, dass das Geld reicht - aber wofür und vor allem, wie lange? Auf der anderen Seite wird das Wort oft in einem einschränkenden Sinn verwendet: Wenn Ihnen jemand eine Tasse Tee einschenkt und Sie „ist genug““ sagen, heißt das, Sie wollen keinen Tee mehr.

Noch deutlicher wird der einschränkende Charakter, wenn z.B. ein Vater sein ungezogenes Kind tadelt: „Genug jetzt!“ Wir erleben oft, dass „genug“ eben leider nicht das Gegenteil von Knappheit ist, sondern vielmehr eine Art Begrenzung darstellt, ein Limit des Ungenügend, das Ende des Not-Bereiches. Um über die Grenze des „genug“ hinausgehen zu können, benötigen wir das, was jenseits des „genug“ liegt: die Fülle oder den Überschuss. Doch stellen Sie sich vor, Sie würden jemandem erklären, Sie hätten einen Überschuss an Geld – ich wette, dass bei diesem Satz bei mehr als neunzig Prozent der Menschen ein seltsames Gefühl aufkäme. Ein Überschuss an Geld erscheint uns unmoralisch, bedrohlich, verwerflich.

Obwohl sich jeder von uns auf der bewussten Ebene sicherlich mehr Geld wünscht, sind wir oft von unserem finanziellen Unterbewusstsein begrenzt. Darin bewahren wir alles, was wir über Geld gehört haben, was in der Familie Tradition war und was uns – verbal oder nonverbal – in der Kindheit (durch unser Familiensystem) vermittelt wurde. Hier, im Unterbewusstsein, werden die so genannten finanziellen Überzeugungen gebildet, die unser ganzes Leben beherrschen. Sie werden zu einer Art Gewohnheit, zu einem Automatismus, der uns beim Betrachten eines schönen, aber teuren Gegenstands im Schaufenster zuflüstert: „Das brauchst du doch nicht“. Unsere finanzielle Überzeugung lässt uns dann glauben, dass „großes Geld nur Gauner haben“ oder suggeriert uns, dass uns ein höheres Gehalt (noch) nicht zustehe, weil wir (noch) nicht so gut seien.

Allerdings plagen solche finanziellen Überzeugungen nicht nur Einzelpersonen. Oft bestimmen sie auch das Tun in Firmen und Unternehmen. Man beobachtet hier folgende Glaubensätze: „Um zu überleben, müssen wir Knochenarbeit leisten“ oder „zum Erfolg gehört ein stetiges Wachstum“.

Solange uns unsere Geld-Überzeugungen im Griff haben, sind wir nicht wirklich frei. Vor allem sind wir nicht in der Lage, vernünftige Entscheidungen über unsere Finanzen zu treffen. Es ist durchaus möglich, dass wir gar nicht so viel Geld brauchen, wie wir glauben, um im Glück und in Fülle zu leben. Allerdings können wir das erst herausfinden, sobald der Glaubenssatz, der als Filter der Wahrnehmung fungiert, aufgelöst wurde.

Wie jedoch können wir loswerden, was so tief sitzt, dass wir uns dessen noch nicht einmal bewusst werden? Und wenn wir durch genaues Beobachten von Reaktionen in bestimmten Situationen unsere Überzeugungen endlich aufdecken, wie können wir sie ändern? In einer besonderen Art der Aufstellungsarbeit, in sogenannten „Aufstellungen der Geldglaubenssätze“, die ich in Prag vor etwa zehn Jahren entwickelt habe, scheint diese Entschlüsselung möglich. Hier können wir leichter als „zu Hause“ die Herkunft der Geld-Überzeugungen bestimmen und diese am Ende der Aufstellung, durch eine tiefe Wertschätzung und Ehrenerweisung gegenüber unseren Vorfahren, deren Schicksal zu Beginn der Überzeugung stand, auch löschen.

Dabei ist gerade der letzte Schritt – die Ehrung und die Zustimmung derjenigen, die bei der Entstehung der Geldglaubenssätze beteiligt waren – das, was uns wirklich „heilen“, also von dem Zwang befreien kann, die Geldüberzeugungen immer wieder aufs Neue zu erleben. Falls wir zum Beispiel einige arme Vorfahren haben, denen wir ihre Armut verübeln, weil sie uns nichts vermachen konnten, müssen wir sie einfach in das Herz schließen und ihnen vielleicht in einem kleinen Ritual sagen: „Meine liebe Großmutter, lieber Großvater, ich kenne euren Schmerz. Ich spüre ihn auch.“ Erst wenn alle in unserem System ihren richtigen und angemessenen Platz bekommen haben und als Vollmitglied anerkannt wurden, müssen wir nicht mehr ihre Last tragen oder ihre Schuld(en) zurückzahlen.


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